Fidelio

Anlässlich des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020 wird „Fidelio“ geplant, eine ungewöhnliche Idee, aber nur auf den ersten Blick. Der Regisseur Thomas Reichert hat sich Gedanken gemacht:

„Es war einmal in ferner Zukunft…“

„Irgendwie bleiben doch alle Fidelio-Inszenierungen unbefriedigend, bleiben irgendwo zwischen banal und abstrakt hängen, ausgedacht bis vergewaltigend. Und als Entschuldigung muss immer das angeblich schwache Libretto herhalten.“

Leonore hat die Liebe kennengelernt, sie liebt Florestan. Mit der Kraft dieser Liebe muss sie gegen das Böse kämpfen und gegen alle Widrigkeit. Bis die unbändige Macht der Angst sie fast zermalmt, bis an den Punkt, wo sie die Angst vor dem Tod überwunden hat. Erst da ist Freiheit und die Liebe. Viel mehr sogar als häusliche Zweisamkeit, eine Kraft, größer als wir und für uns noch märchenhaft fantastisch, verwandelt sie allen Tod in Leben .

Wenn ich  Fidelio, nämlich das, was ich in Text und Musik höre, erzählen will mit seinen sogenannten kleinen und großen Leuten, dem mutigen Gang der Heldin und einem Happy End das weit über alles noch nicht Mögliche hinaus strahlt, dann ist das für mich wie in jedem guten Märchen.

Todesmutig stellt sich Leonore zwischen den Tod und ihren Mann. Ihr Wachsen über die Angst hinaus ermöglicht das große Happy End. Ein Märchen ist ja immer eine Hoffnungsgeschichte.

Oder: Leonore will dem Bösen, dem Teufel, nicht die Macht über ihr Leben, auch alles Leben, überlassen und so muss sie sich gegen berechtigte Angst, letztendlich Aug in Aug, dem Bösen stellen, gegenüberstellen, das macht den Weg frei für die Befreiung aller und der Höllenfahrt des Bösen.

Die bodenständige Geschichte mit ganz einfachen Charakteren macht, dass Beethovens Musik nicht nur schön, gewaltig, aufgewühlt ist, sondern sie reißt die Handelnden in eine Mehrschichtigkeit und das Geschehen in eine Forderung an unsere Zukunft. Ohne den Text, der die Figuren im konkreten Alltäglichen ansiedelt, läuft die Musik Gefahr art pour l’art zu sein und umgekehrt, die Figuren ohne Musik würden zu Kitsch verkommen.

Die Hoffnung in der Musik ohne Text wäre nur edles Ansinnen, in der konkreten Haftung an die einfachen Figuren, aber Hoffnung auf ein besseres Morgen. Ausgehend von den Figuren ruft die Musik etwas ganz konkret schmerzlich Vermisstes herbei.

Fidelio ist ein Märchen, erzählt aus der unbändigen Sehnsucht Beethovens ‚Brüderlichkeit‘ in unser Jetzt zu tragen. Es versucht ganz konkret eine Utopie des Menschseins zu bannen, die so groß am Horizont aufgetaucht aber längst wieder zerronnen ist.

Die Personen in Fidelio sind ganz bodenständige Figuren zuerst wie im Märchen, aber wie im Märchen eben auch viel mehr.

Beim Vorlesen, beim Erzählen ist dieses „mehr“ kein Problem. Die Fantasie der Zuhörer lässt die Figuren – ­jeder nach seinen Vorstellungen, nach seinen Erfahrungen, nach seinen Träumen – lebendig werden.

Dargestellt von realen Menschen in Film oder Theater wird die Fantasie der Zuschauer durch die darstellende Person vielleicht großartig konkretisiert, aber die notwendige Bodenhaftung realer Menschen macht eine Entwicklung zum Märchenhaften, zum erhofft Zukünftigen kaum möglich und ist in der Wirkung meist lächerlich.

Puppen, Marionetten haben diese Beschränkung nicht. Sie sind nur ein Stück Holz, vorerst, und nur die Fantasie der Zuschauer lässt sie lebendig werden. Puppen können problemlos fliegen, ihre Schwerkraft ist im Himmel. Und auch das andere Ende: Niemand kann so wunderbar sterben, totes Holz ist nicht mehr animiert nur noch tot.

Und so lässt sich die Geschichte erzählen von einem Gefängnis und seinen Menschen, den Eingesperrten und den Wächtern, ein wohl eher mieser Beruf –  vielleicht mit Pensionsberechtigung, wo sie mit dem Horten von ein wenig Geld, mit ein bisschen Humor und Sehnsucht nach einem viertel Pfund Häuslichkeit, versuchen ihr fremdbestimmtes Leben  zu gestalten. In diese versperrte Welt in der sogar die Bäume vergittert sind, kommt eine Frau um für die Liebe zu kämpfen. Und wer mit ihr in Berührung kommt dessen Herz beginnt neu zu erwachen.

Ein großes Märchen trotz, oder besser gegen das Versagen der französischen Revolution, trotz des Größenwahns Napoleons, trotz all dem Übel auf der Welt und gegen das Versiegen aller Hoffnung – unserem Lebensgrund.

Die Heldin muss weiter, muss hinein und hinunter in tiefstes Dunkel, muss durch größte Angst bis an den Punkt wo nichts mehr geht, wo kein Blatt mehr zwischen Leben und Tod passt. Nur da kann Rettung geschehen. Und alles dankt und alle feiern und das Leben ist zum Fest geworden! Und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute.

 

Biographie des Regisseurs
Thomas Reichert

Thomas Reichert Freier Regisseur. Regiestudium an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule.
Ab 1976 erste Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt (Peter Palitzsch).
Weitere Stationen u. a. in Bremen, Freiburg Schillertheater Berlin, Schauspielhaus Zürich, Vereinigte Bühnen Graz.
1989 Wechsel ans Schauspiel Hannover als fester Regisseur und künstlerischer Leiter, dann 1993 in derselben Position ans Residenztheater München.
1996 Mitarbeit als Dramaturg und Schauspieler in „Bildbeschreibung“ von Heiner Müller beim Kunstfest Weimar.
Seit 2004 regelmäßig Gastregisseur im Kabinetttheater in Wien mit Musiktheaterproduktionen, in denen Gesang, Schauspiel und Puppenspiel miteinander interagieren.
Größere Koproduktionen mit Orchestern, wie zum Beispiel 2013 Mauricio Kagels KANTRIMIUSIK im Konzerthaus Wien mit dem Ensemble PHACE oder 2016 ORFEO ED EURIDICE (Parma-Fassung) bei der Styriate Graz und den Internationalen Gluck-Opern-Festspielen im Markgrafentheater Erlangen mit dem Ensemble recreationBAROCK unter Dirigent Michael Hofstetter.
Bei den Salzburger Festspielen 2006 und 2007 am Salzburger Marionettentheater Mozarts „Bastien und Bastienne“ zusammen mit dem „Schauspieldirektor“: mit Sängern, Marionetten, einem Schauspieler und umringt vom Ensemble der Jungen Philharmonie Salzburg.
2014 Szenen zu Schumanns Papillons und 2015 Neuinszenierung der „Zauberflöte“ mit den historischen Figuren und Bühnenbild von 1952.

 




Biographie des Bühnenbildners
Michael Simon

Michael Simon kam über die Bildende Kunst zum Theater. 1978 begann er sein Bühnenbildstudium bei Jürgen Rose in Stuttgart und arbeitete in dieser Zeit mit der Performance-Gruppe Famili (gemeinsam mit Achim Kubinski). Sie hatten Auftritte in Stuttgart, Köln, Washington und New York. 1981 beendete er sein Studium und ging nach New York. 1982 bis 1990 arbeitete er als Bühnenbildner für den US-amerikanischen Choreografen William Forsythe am Frankfurter Ballett und für das Schauspiel unter anderem an Theatern in Düsseldorf, Freiburg, Darmstadt, Wien, Hamburg und Berlin.
Für die Oper schuf Simon ab 1989 Bühnenbilder in Amsterdam für die Regisseure Pierre Audi und Peter Greenaway. Seit 1988 arbeitet er kontinuierlich mit dem Choreographen Jiří Kylián,[1] seit 2006 fallweise mit Richard Wherlock am Ballett Basel.[2] Erste Schritte als Regisseur machte er bei gemeinsamen Projekten mit dem Komponisten Heiner Goebbels im Frankfurter Theater am Turm. Schnell folgten auch seine ersten Operninszenierungen in Basel, Nürnberg und Darmstadt. 1995 wurde er mit seiner Schauspielinszenierung The Black Rider zum Berliner Theatertreffen eingeladen und in der Zeitschrift Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt.
Michael Simon war 1996/1997 kurz fest engagiert an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, arbeitet seitdem als freier Regisseur und Bühnenbildner. Von 1998 bis 2004 war er Professor für den Fachbereich Szenografie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und leitet seit 2008 die Vertiefung Bühnenbild, Master of Arts in Theater an der Zürcher Hochschule der Künste.